Titel, wat is dat denn.

Ich fühle mich wie in den tiefsten Neunzigern! Es gibt Livejournal ja immer noch! Wo doch alle Welt jetzt auf schicken Hipsterblogs unterwegs ist und vegane Chiasamenrezepte veröffentlicht mit Brokkolisprossen und nebenher Provisionen für Thermomix-Amazon-Affiliate-Links verkauft. Die Welt ist groß und bunt!

Das Milchkind ist auch groß und meistens bunt, glücklicherweise sind wir noch nicht in der Phase angekommen, wo die Peergroup bestimmt, dass Jungs nur schwarz, blau, grau und tarnfarben tragen sollten oder aber Engelbert-Strauss-Hosen und sonstigen Working Class Heroes-Krams, also ziehe ich dem Kind ungehindert schöne rote, gelbe, grüne, blaue und lilane Kleider an und frage mich, warum das im höheren Alter alles fort geht, ins Nirwana, und alle im Business-Schick grau-beige-schwarz-weiss Ton in Ton daher kommen müssen. Mehr Hippies! Mehr Blumen!

Die Blumen sind noch da, draussen, auf der kleinen Terasse, Sonnenblumen und Malven und Ringelblumen und Rosen, obwohl es schon eisig kalt war die letzten Tage, und der Milchkindpapa meinte schon, es gibt Schnee, bald, nächste Woche, und oh dear, ich hab doch noch nicht mal geschaut , ob das Kind noch in den Schneeanzug vom letzten Jahr reinpasst (vermutlich nicht). Ich fröstele schon mal vorbeugend.

Was tut sich in Narus Leben? Es rollt geruhsam plätschernd vor sich hin, ich arbeite in einem angesichts meines gebeutelten Berufsstandes schon fast beschämend luxuriösen Bereich, der beinhaltet, dass ich so gut wie überhaupt nichts zu tun habe bzw. das, was ich zu tun habe, ist praktisch nichts im Vergleich zu dem, was ein Schwesterchen/Brüderchen in einem Pflegeheim mit 40 Demenzkranken auf eine Fachkraft zu tun hat.

Ab und zu fühle ich mich etwas unwohl angesichts der anderswo schwer Schuftenden und dieser gemütlichen Nische, in der mich die Winde der Jobsuche geweht haben, andererseits ist es nu auch nicht sinnvoll, die persönliche Gesundheit und das Seelenheil aufzureiben in einem unbefriedigenden, zutiefst frustrierenden Job, nur weil andere das auch tun, und unser Gesundheitssystem insgesamt betrachtet von allen Seiten sehr malade ist. Andererseits muss ich zugeben, dass mir allmählich etwas die Herausforderung bzw. Abwechslung fehlt. 

Aber dafür hab ich ja mein Milchkind, und andere lustige Dinge im Leben, neulich erkundeten wir ferne Länder und streichelten Schildkröten und das Kind lernte, hebräisch mit Hunden zu sprechen (mit den Nachbarskindern eher nicht so), und sammelte kiloweise schöne Steine, und am See Genezareth fanden wir die geheime Schlüpfstelle der Einhörner, dort waren nämlich all die vielen kleinen Milchzahnhörnchen, die die Einhornbabys nach dem Schlüpfen und den ersten Wochen abstossen, sobald die größeren Hörner nachwachsen, und wir sammelten Einhornmilchhörnchen in großer Menge und das Kind aß hauptsächlich Mangos und Avocados und Pekanüsse und Couscous und Bananen und Pitta und Honig mit Waben drin, den uns ein netter alte Druse verkauft hatte, und verweigerte gänzlich den Hummus, aber das machte nichts, weil, dann konnte ich das ja essen. (Das Naru kam ungefähr zwei Kilo schwerer wieder zurück.)

Die zuhauf vorhandenen russischen Touristen, die im Halbstundentakt um den See herum gefahren wurden, alle regelmässig für 5 Minuten ausstiegen, Selfies machten und wieder in den Bus stiegen, während Naru und Kind planschten und Katzen streichelten, waren alle irgendwie der Meinung, dass der See besichtigungswert sei, weil da mal Jesus über das Wasser und so und die Fische und die Brote und all das... aber wir wussten natürlich, dass es einzig und allein die Einhornschlüpfstellen sind, wegen denen man dort hin sollte.

Ansonsten lese ich wild kreuz und quer und, da 100 Meter vom Kindergarten entfernt eines dieser zahlreichen öffentlichen Bücherregale aufgebaut wurde, zusätzlich zu dem neben der Bushaltestelle hier und dem neben dem Haus von Freundin A., schleppe ich regelmäßig große Mengen Bücher ins Haus, die zu 95% rasch aussortiert und wieder zurückgeschleptt werden, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, doch noch mal irgendwann ein verborgenes Juwel zu entdecken. 

Zuletzt beendet: The Wind's Twelve Quarters von Ursula K. Le Guin. Die läuft als Klassikerin im SF-Genre und schreibt sehr dichte, sehr abstruse, sehr versponnene Geschichten und Bücher, die ich fast alle sehr gerne mag — und übrigens! Sie hat auch Kinderbücher geschrieben, und die sind sehr, sehr hübsch, und das Kind hatte eine Phase, in der ich ihm jeden Abend die Geschichten von "Catwings" vorgelesen bzw. übersetzt habe (die gibt es meines Wissens nur auf englisch, aber hübsch illustriert und lustigerweise vom Aufbau und Plot genauso gestrickt, wie die Geschichten, die ich immer erzähle, wenn das Kind "Mamaaaa! Geschichte erzählen!!" ruft. Also, wir haben nur den ersten Band, "A Catwing's Tale", und es gibt wohl noch drei mehr, und da das Kind wissen wollte, wie es weiter geht, haben wir uns die nächsten Teile erst mal selbst ausgedacht und weitergesponnen, und als ich dann mal die Inhaltsangabe der Fortsetzungen anguckte, war das so ziemlich identisch. (Mein Kind denkt wie Ursula L.? Oder Ursula L. weiss, wie Kinder denken!) 

Aber die Katzenflügel kann ich nur sehr empfehlen. Falls ein Verlag eine deutsche Übersetzung rausbringen möchte, hier bitte, ich stimme dafür! (Der Verlag darf auch gerne meine Übersetzung benutzen, ich habs für das Kind schon aufgeschrieben.)

Sonst... koche ich jetzt Kürbissuppe. Ich mag Kürbisssuppe. Morgen wartet mein Bauernhof auf mich, da kann ich noch mehr Kürbisse kaufen und verkaufen und dann neue Kürbissuppe machen, und dann kommt die Nachtwache, und dann kommt das Milchkind wieder, und dann fängt schon wieder die nächste Kindergartenwoche an, und die Zeit, sie rollt dahin. Ich sollte etwas Produktives tut, sagt das innere Naru, aber mich gucken die 15 Bücher aus dem öffentlichen Bücherregal mit großen Augen an und sagen "Du hast uns noch gar nicht genauer angeguckt!" Oh, well. 

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